"Weihnachten ganz anders" - Eine Pflegefamilie berichtet

Für die Familie Wolter wird dieses Weihnachten ganz anders als sonst – und daran trägt Corona ausnahmsweise keinen Anteil. Denn die Familie Wolter ist eine Pflegefamilie. Seit drei Monaten leben neben den leiblichen Kindern Sina Marie ( 11 Jahre ) und Arik Elias ( 7 Jahre ) auch noch die Zwillinge Luis* und Lia* (beide 2) bei Sabrina und René Wolter. Für die Pflegeeltern war das eine Umstellung: „Normalerweise war es bei uns immer recht ruhig, nach dem Einzug der Zwillinge ist es oft turbulent und lebhaft. Mit Luis und Lia sind nun zwei Wirbelwinde bei uns eingezogen“. Und diese bringen neben viel frischer Energie auch eine erhöhte Lautstärke mit. Sabrina Wolter nimmt das aber ganz gelassen und freut sich über den „Familienzuwachs“. Sie und ihr Ehemann René sind seit fünf Jahren Pflegeeltern aus Überzeugung. Nur zwei Monate nachdem die Zwillinge Einzug hielten, zog die älteste Pflegetochter Maja* im Alter von 19 Jahren aus. Mit dem Einzug der neuen Pflegekinder haben René und Sabrina Wolter sich auch nach einem neuen Unterstützungssystem umgeschaut. Zuvor waren sie direkt über das Jugendamt in die Pflegelternschaft gekommen. „Aber mir war es wichtig, einen festen Ansprechpartner und ergänzende Unterstützung zu haben“ berichtet die 36-Jährige Pflegemutter von ihrer Entscheidung, in der ihr Mann René sie kräftig unterstützte. Zusammen besuchten sie vor fast zwei Jahren den Infoabend der Fachberatung Pflegefamilien vom Albert-Schweitzer-Kinderdorf Uslar. Das Konzept des gemeinnützigen Vereins gefiel den beiden Pflegeeltern von Anfang an. Neben dem festen Ansprechpartner für alle Fragen, Sorgen und Nöte, bietet das Fachkräfte-Team der Fachberatung Pflegefamilien auch Supervision und regelmäßige Fortbildung an. Das gemeinschaftliche Zusammentreffen der betreuten Pflegeeltern in Gruppen sowie gemeinsame Feste und Veranstaltungsaktivitäten runden das Angebot weiterhin ab.

„Mit der Fachberatung passte es von Anfang an“

Eine Erkenntnis, die schon vom Infoabend an in den Pflegeeltern Wolter wuchs. Gemeinsam hatten sie den Infoabend besucht und sich schließlich für die Pflegelternschaft bei der Fachberatung beworben. Es sollte noch eineinhalb Jahre dauern, bis Luis und Lia bei ihnen einziehen. Zeit, die Sabrina Wolter sinnvoll nutzte. Sie besuchte regelmäßig die Fortbildungsangebote und Gruppentreffen der Fachberatung Pflegefamilien, lernte so auch schon andere Pflegeeltern kennen und konnte in einen frühzeitigen Austausch finden. „Dass die Pflegefamilien untereinander auch unabhängig von uns Fachkräften einen intensiven Austausch pflegen und sich mit Erfahrungen und Ratschlägen gegenseitig stützen, ist ein ganz wichtiger Faktor im funktionierenden System Pflegefamilie“ weiß Fachberaterin Ulrike Pache zu berichten, die René und Sabrina Wolters feste Ansprechpartnerin ist.

Die lange Wartezeit auf ein Pflegekind, das in die Familie passt, wird oftmals zur Geduldsprobe. Aber um allen Beteiligten eine möglichst optimale Zukunftsperspektive zu bieten ist die kritische und individuell fokussierte Auswahl von Pflegekind und Pflegefamilie sehr wichtig. Sabrina Wolter hat eine ganz klare Einstellung zur Wartezeit, egal wie lang sie wird: „Das Warten lohnt sich!“

Eine neue Alltagsstruktur hat sich inzwischen gebildet. Denn das Leben mit zwei Zweijährigen gestaltet sich nach einem ganz eigenen Rhythmus. Während der Mittagsschlaf gehalten wird, kann die Familie nicht draußen unterwegs sein und das Abendessen wird so geplant, dass die Kleinsten nach dem Sandmännchen im Bett landen – denn dann ist für sie Schlafenszeit. Die Erfahrung mit so kleinen Zwillingen war auch für Sabrina und René Wolter komplett neu. Als sie ihr erstes Pflegekind Maja aufnahmen, war diese bereits 14 Jahre alt.  Für die Pflegeeltern aus Leidenschaft gibt es aber keine Herausforderung, die nicht zu meistern wäre. Der Schlüssel zu ihrem Erfolg ist Gelassenheit und die Dinge so zu handhaben, wie sie der Tag mit sich bringt. Dennoch war die Eingewöhnungszeit nicht ganz leicht, denn die Corona-Einschränkungen machten einen Besuch im Tierpark oder das Flanieren auf einem Weihnachtsmarkt unmöglich. Da mussten natürlich Alternativen her und so gab es gemeinsame Spielzeit oder gemeinschaftliches Backen. Trotz des geglückten gemeinsamen Starts machen sich die Wolters nichts vor: „Jedes Pflegekind trägt sein Päckchen und es werden auch auf uns noch schwierige Zeiten zu kommen“ ist sich Familie Wolter bewusst. Eine erste Veränderung bringt die neue Situation bereits an Weihnachten mit sich.

Dieses Weihnachten wird anders!

Familie, Freunde, Nachbarn: Das Haus der Wolters war insbesondere an den Festtagen immer ein Ort der fröhlichen Gemeinschaft. „Das hat sich so ergeben als unsere Kinder noch klein waren und wir an den Festtagen daheim sein wollten und ist bis jetzt Tradition geblieben“ heißt es dazu. Doch an allen anderen Festtagen waren Luis und Lia noch kein Bestandteil der Familie. Auch wenn die Zwillinge die engste Familie ihrer Pflegeeltern selbstverständlich schon kennen gelernt haben und auch darüber hinaus schon Freunde kennen, ist die junge (Pflege-)Familie noch im Findungsprozess. Besonders für die zweijährigen ist nun alles neu und großartig, aber auch ganz schön viel. An Nikolaus kamen Angehörige von Familie Wolter zu Besuch. Da hat sich schon gezeigt, dass dies eine Situation war, die die kleinen Kinder überfordert hat. Für Sabrina und René Wolter stand sofort fest: Dieses Weihnachten muss anders laufen! Sie brauchen mehr Zeit im engsten Familienkreis. Auch die aktuell geltenden Corona-Regeln verlangen eine sehr genaue Planung des außerhäuslichen Umgangs. Deshalb steht fest, dass die engste Familie sich für den Besuch anders als üblich aufteilen wird und Maja als ältestes Pflegekind ihrem ehemaligen Zuhause zusammen mit ihrem Freund einen Besuch abstatten wird. Ihre leiblichen Eltern allerdings werden Luis und Lia diesmal nicht sehen. Der nächste Besuch steht im Januar an und findet dann in Begleitung statt. Zu den Weihnachtsfeiertagen wäre der Umgang mit den leiblichen Eltern nachdem die Aufnahme in eine Pflegefamilie noch so frisch ist, emotional zu belastend.

 

Eine Überraschung am Heiligen Abend

Um allen ein unvergessliches erstes gemeinsames Weihnachtsfest zu bieten, haben sich Sabrina und René Wolter für den Heiligen Abend schon etwas Besonderes einfallen lassen. Traditionell beginnt der Tag mit einem genussvollen und ausgiebigen Frühstück in aller Ruhe. Danach haben die Kinder sich normalerweise beschäftigt und ein bisschen was gespielt, bevor die Familie dann bei Kakao und Keksen noch einmal zusammenkam und es auf den Höhepunkt am Abend zuging.

Der  Vormittag, ist diesmal jedoch einer großen Überraschung vorenthalten, die nicht nur Arik Elias und Sina Marie Freude bereiten, sondern Luis und Lia zudem auch von ihrer quirligen Aufgeregtheit ablenken soll. Dieses Mal startet der Tag mit einer Überraschung und der Weihnachtsmann war schon vor dem Aufstehen fleißig. Unter dem Tannenbaum, der traditionell bereits seit dem ersten Advent steht und zusammen geschmückt wurde, werden alle Familienmitglieder am Abend aber dennoch die heiß ersehnten Weihnachtsgeschenke finden. Mit einem Wunschmenü – in diesem Jahr gibt es Rouladen und Hähnchenkeulen als Fleischbeilage - und ganz viel Gemütlichkeit sowie Basteln, Spielen und der Beschäftigung mit den Geschenken, endet dann auch der Heiligabend 2020 bei Familie Wolter im Wohnzimmer mit insgesamt vier Kindern auf dem Schoss und neben sich.   

Nächster Infoabend-Termin für künftige Pflegeeltern steht fest!

Pflegeelternschaft ist eine schöne und herausfordernde Aufgabe zu gleich. Fachberaterin Ulrike Pache weiß, dass es vor allem auf eine gewisse innere Gelassenheit ankommt, um den Ansprüchen den Kindern und sich selbst gegenüber gerecht zu werden. Über den Umgang der Wolters mit ihren Pflegekindern und über deren ureigene Einstellung zur Pflegschaft freut sie sich sehr. Nach dem Motto „Einmal Pflegefamilie, immer Pflegefamilie“ stellen René und  Sabrina Wolter sich mit ganzem Herzen allen Anforderungen, die das Leben mit Pflegekindern mit sich bringt. Menschen wie sie, die sich tatkräftig, verantwortungsbewusst und dennoch mit einer gewissen inneren Ruhe der Aufgabe „Pflegeelternschaft“ stellen, werden stets dringend gesucht. Die Fachberatung Pflegefamilien des Albert-Schweitzer-Kinderdorfs ist dabei Unterstützer im Alltag und sorgt für reibungslose Abläufe, gesicherte Rahmenbedingungen und alle nötige Unterstützungskompetenz.

Der Infoabend informiert einmal im Jahr alle Interessierten über Rechte und Pflichten als Pflegeeltern und bietet auch eine Plattform zum individuellen Austausch sowie eine allgemeine Fragerunde. Aufgrund der Corona-Pandemie muss der nächste, für Januar geplante Infoabend jedoch auf Mittwoch, den 24. Februar verschoben werden. Jeder, der sich dem Thema nähern möchte und sich vorstellen kann, ein Pflegekind aufzunehmen, ist dann herzlich willkommen. Der Infoabend startet um 17 Uhr und dauert etwa zwei Stunden. Gern kann man sich auch jederzeit vorher über das Thema Pflegelternschaft unter der Telefonnummer 05554 -  99 59 86 0 sowie hier im Internet informieren. Die Bewerbung als Pflegefamilie ist auch per E-Mail an möglich.   

*  Die Namen der Kinder wurden aus Personenschutzgründen geändert