Hanna Bonkewitz: Meine Einblicke in das Kinderdorf Uslar

 
Mein diesjähriges Schulpraktikum verbrachte ich in der Marketingabteilung des Albert-Schweitzer-Familienwerk e.V.

Die Mitarbeitenden legen dort sehr viel Wert darauf, die Dienstleistungen und Angebote des Albert-Schweitzer-Familienwerk e.V. zu kennen. Und deshalb war ich gespannt darauf, auch eine andere Einrichtung kennen zu lernen.

In der zweiten Woche konnte ich das Kinderdorf in Uslar besuchen. Die ganze Zeit habe ich mich schon darauf gefreut und war ganz neugierig, wie es in >>so einem Kinderdorf<< denn nun tatsächlich aussieht. Ob sich wohl meine persönlichen Eindrücke mit meinen Internetrecherchen decken werden?

Klaus Ahlf ist einer von vier Erziehungsleitern im Kinderdorf. Er nahm mich auf dem großen Gelände in Empfang und gab mir einen groben Überblick über die Anlage. Dabei führte er mich zunächst auf der Straße an den Kinderdorf-Häusern vorbei. Währenddessen erfuhr ich von der hohen Nachfrage und vor allem der Notwendigkeit und dem Nutzen einer Institution wie dem Kinderdorf.

Viele Kinder denen es nicht möglich ist zuhause zu leben, deren zukünftiges Leben abhängig ist von guter Erziehung und die es nicht gewöhnt sind eine haltgebende Familie zu haben und soziale Kontakte zu pflegen, bekommen genau dort die Hilfe und Unterstützung die sie benötigen. Etwas, wofür die vielen helfenden Hände im Hintergrund wahrhaftig Respekt verdienen. Diese Tätigkeit gehört schließlich nicht zu den Berufen, die man mit dem Feierabend für den Rest des Tages hinter sich lässt. Im Gegenteil: Es handelt sich um eine Aufgabe die einen Tag für Tag, 24 Stunden lang begleitet. Kinderdorfeltern ziehen mit samt ihrer Familie in das Kinderdorf ein und nehmen zusätzlich bis zu sechs Jugendhilfekinder auf. Ein Elternteil muss eine pädagogische Ausbildung nachweisen, während der Partner einer Arbeit außerhalb des Kinderdorfes nachgeht und sich ehrenamtlich an der großen Aufgabe beteiligt.

Dieses Konzept, Jugendhilfekindern ein neues stabiles Zuhause zu geben, ist nah am regulären Familienleben und wird von Ämtern und Behörden gut nachgefragt.

Doch habe ich auch verstanden, dass das Konzept auch mit den engagierten Kinderdorfeltern steht und fällt. Die Verschmelzung von beruflichem und Privatleben birgt viele Vorteile, aber auch Risiken. Es ist niemals eine leichtfertige Entscheidung, als Kinderdorfeltern tätig zu werden, das habe ich erfahren. Und auch, dass es eine Aufgabe ist, Menschen zu finden, die die Stärke und den Mut, die Freude und den Tatendrang mitbringen, vielen Kindern und Jugendlichen in ihrer eigenen Kinderdorffamilie echte Lebensperspektiven zu vermitteln und sie auf dem langen Weg dorthin intensiv und professionell zu begleiten. Denn neben dem erzieherischen Umgang mit den Kindern, steckt in so einem Kinderdorfalltag ganz schön viel Organisatorisches drin. Jetzt, wo ich das weiß, scheint es logisch. Doch vorher hätte ich an all diese scheinbaren Kleinigkeiten gar nicht gedacht:   

Neben dem Begleiten bei Therapien und Arztbesuchen, zählt vor allem die Unterstützung im Alltag zu den Hauptaufgaben der Kinderdorfeltern. Die Kinder müssen schon früh lernen Verantwortung zu übernehmen, sollen sozialen Kontakt mit anderen suchen und lernen Regeln zu befolgen.

Mir schien das ein zu heftiges Pensum für einen Job, doch Erziehungsleiter Klaus Ahlf konnte mich beruhigen: Damit die durchgängige Betreuung der Kinder nicht zur Überlastung wird, haben Kinderdorfeltern und ihre Familien die Möglichkeit sich in einem eigenen Bereich zurück zu ziehen. Die Betreuung übernimmt währenddessen ein mit festem Stundenkontingent angestelltes Fachpersonal aus dem pädagogischen und hauswirtschaftlichen Fachbereich. Dieses unterstützt die Familie auch im restlichen Alltag in Hauswirtschaftsangelegenheiten und der Erziehung.

Ich durfte in eine Wohngruppe hineinschnuppern und bekam eine kurze Führung durch ihr Haus. Das fand ich besonders klasse, denn ich hatte nicht erwartet so tiefe Einblicke zu bekommen.

Die Wohngruppenleiterin Liliane Brümmer empfing uns sehr freundlich. Das Haus unterschied sich kaum von normalen Familienhäusern und war sehr hell und freundlich eingerichtet. In der Wohngruppe ziehen die Kinder nicht in eine bestehende Familie, sondern werden von einem festen Mitarbeiterteam betreut und begleitet. Nichtsdestotrotz wirkte die Wohngruppe auf mich sehr familiär und vertraut und ich denke, dass die Wohngruppenleitung so in gewisser Weise doch eine Art Elternrolle einnimmt. Sie ist zudem Hauptansprechpartner für die Kinder.

Auf meiner Tour ging es zunächst nach oben zu den Kinderzimmern. Ein junges Mädchen saß an ihrem Schreibtisch und malte gerade ein Bild. Sie begrüßte uns freundlich und ich freute mich wieder, als spontaner Besucher so nett willkommen geheißen zu werden. Ich blickte mich ein wenig um. Das Zimmer war groß und hell, an den Wänden hingen Poster und Fotos von Hunden und Pferden. Klaus Ahlf erklärte, dass die Kinder die Einrichtung ihres Zimmers selbst gestalten können. So entstehen viele individuelle und sehr persönliche Bereiche in dem großen Haus.

Ich finde die Idee sehr schön, dass die Kinder sich kreativ austoben können und sich selbst ein Umfeld zum Wohlfühlen gestalten. Wir schauten uns noch die weiteren Zimmer an und ich machte mich mit den anderen Kindern bekannt. In diesen Momenten war es für mich kaum vorstellbar, was viele der Kinder bereits im jungen Alter durchmachen mussten. Umso toller ist die Tatsache, dass so vielen wie möglich die Chance für ein strukturiertes Leben geboten wird. Die wertvolle Möglichkeit einen neuen Weg zu finden, ab von sozialer Abschottung, Gewalt und Misshandlungen. Niemand kann Erfahrungen rückgängig machen, aber für eine bessere Zukunft eine Stütze zu sein, Halt zu geben und zu zeigen, dass es anders geht, diesen Weg geht das Kinderdorf-Team mit ihnen.

Mir scheint vor allem die Selbstständigkeit von höchster Priorität zu sein, etwas was die Kinder von den meisten anderen unterscheidet. So war ich mit elf Jahren noch nicht bereit dazu, eigenständig Arzttermine zu machen oder strukturiert mit Geld umzugehen.

Die große Vielfalt an Freizeitangeboten ist mir ebenso positiv in Erinnerung geblieben, viele der Kinder nehmen Reitunterricht an einem nahe liegendem Reiterhof, sie können schwimmen gehen, oder Fußball spielen. Auch die vielfach stattfindenden Aktionen und Feste des Familienwerks tragen zur Beschäftigung bei. Gerade der kürzlich stattgefundene Kido-Cub scheint ein unvergessliches Erlebnis gewesen zu sein. Bei solchen Aktionen haben die Kinder nicht nur ausgelassen Spaß, sondern lernen auch Verantwortung zu übernehmen, im Team zu arbeiten und sich zu organisieren.

Letztendlich kann ich sagen, dass es doch einen erheblichen Unterschied macht, sich nur visuell im Internet zu informieren oder die Möglichkeit geboten zu bekommen, sich vor Ort Eindrücke zu verschaffen. Ich finde toll, dass mir solch eine Möglichkeit geboten wurde und sage dem Kinderdorf mit Klaus Ahlf und Liliane Brümmer sowie dem Albert-Schweitzer-Familienwerk Danke für diese einmalige Erfahrung.

Ihre Hanna Bonkewitz, 17 Jahre, Schülerin der KGS-Moringen im Rahmen des Schulpraktikums in der 11. Klasse