Mit Baby im Klassenzimmer: Fachhochschulreife für 25-jährige Mutter

Es war eine Ausnahmesituation, und alle Beteiligten haben sie mit viel Courage gemeistert: Mit ihrem kleinen Baby im Klassenzimmer hat die 25-jährige Sabrina Bogdan ihr letztes halbes Jahr an den Berufsbildenden Schulen (BBS) II in der Godehardstraße absolviert.
Bogdan war schon schwanger in ihr zwölftes Schuljahr gegangen. Bildunterschrift (aus dem Göttinger Tageblatt): In ihrem Klassenzimmer: Sabrina Bogdan mit Tochter Feliz Emilia, Lehrer Dirk Neubauer an der Tafel.

[Göttingen] Sie wollte deshalb schon hinwerfen, doch ihr Klassenlehrer Dirk Neubauer ermunterte sie, doch erst einmal weiterzumachen. Alles andere werde sich weisen.

Kurz vor dem Halbjahreszeugnis, am 5. Januar, kam dann die kleine Feliz Emilia zur Welt – wegen einer Schwangerschaftsvergiftung in einer dramatischen Operation per Notkaiserschnitt. Doch Feliz, 50 Zentimeter, 2795 Gramm, war gesund, und ihre Mutter saß zehn Tag später schon wieder im Klassenzimmer.

Feliz wurde dort ihre ständige Begleiterin. Denn ein Kita-Platz für die Kleine zerschlug sich laut Bogdan kurzfristig. Vom Vater hatte sich die junge Mutter schon während der Schwangerschaft getrennt, ein Kontakt bestehe nicht mehr. Die Mutter von Bogdan wohnt zu weit weg für eine dauerhafte Betreuung von Feliz. Also wurde Feliz die jüngste Schülerin in Neubauers Klasse. Der Lehrer hatte sich für diese Lösung offen gezeigt. In der Klasse dominierte dagegen anfangs Skepsis: ein Baby im Unterricht?

Feliz sorgt für einen enormen Zusammenhalt

Erst nach gutem Zureden ließ sich die Klasse auf das Experiment ein – und am Ende sei es keine Klasse mehr gewesen, sondern eine Familie, sagt Bogdan. Feliz habe für einen enormen Zusammenhalt gesorgt. Am Anfang hätten alle das süße Baby bestaunt, und am Ende hätten sich die Mitschülerinnen fast gestritten, wer Bogdan denn nun mal Feliz abnehmen durfte, wenn die 25-Jährige noch etwas mitschreiben wollte.

Anfangs habe Feliz sehr viel in ihrem Kinderwagen geschlafen, berichtet Bogdan. Wenn die Kleine dann doch einmal zu viel quengelte, ging Bogdan mit ihr hinaus. Es gab außerdem die Vereinbarung, dass die Klasse sagen sollte, wenn sie sich gestört fühlte. Zum Stillen und Wickeln des Kindes richtete die Schule Bogdan einen Raum ein. 

Trennung vom Vater des Kindes

Die Mitschüler unterstützten Bogdan, die so oft es ging zum Unterricht kam, aber oft eben wegen der Tochter auch fehlte. Dann gingen die Mitschüler mit Bogdan den verpassten Stoff durch. Neubauer und die Schulleitung gingen großzügig mit der Situation um – in den Prüfungen musste Bogdan aber die gleichen Leistungen bringen wie alle anderen.

Das tat sie diesmal auch. Zweimal hatte Bogdan zuvor schon, auch wegen privater Turbulenzen, auf dem Weg zur Fachhochschulreife aufgegeben. Während der Schwangerschaft gab es nach der Trennung vom Vater des Kindes noch einmal heftige andere Beziehungsprobleme und später auch noch Schwierigkeiten mit dem Vermieter. Doch mit Baby gelang Bogdan nun trotzdem der Abschluss an der Fachoberschule Gestaltung: Sie wollte ein Vorbild für ihre Tochter sein und hat die Fachhochschulreife erlangt. Jetzt will Bogdan erst einmal ein Jahr Babypause machen und dann Pädagogik studieren. Mit Feliz sitzt sie derzeit noch in einer anderen Schule: Bogdan macht gerade ihren Führerschein. Denn zu den BBS II musste mit ihrer Tochter immer mit dem Bus aus der Gemeinde Rosdorf nach Göttingen fahren.

Abschlussbild mit Kinderwagen

Bogdan ist ihrer Klasse für die Unterstützung sehr dankbar. An der Schule war sie bald als „die Klasse mit dem Baby“ bekannt. Auf dem Abschlussbild, dass die Klasse gestaltet hat, ist auch ein Kinderwagen zu sehen. Unter allen Unterschriften auf dem Bild findet sich auch der Name Feliz. Und Lehrer Neubauer sagt zum Baby in der Klasse: „Ich würde es auch immer wieder machen.“

Dass Schüler mit kleinen Kindern ihren Abschluss machen, kommt an den BBS II durchaus von Zeit zu Zeit vor. In einer anderen Klasse im vergangenen Schuljahr saß zum Beispiel das Ehepaar Sandra und Sven Hesse, beide Mitte zwanzig. Die Eltern der am 26. September 2010 geborenen Mia Marie haben ihren Abschluss als gestaltungstechnische Assistenten gemacht. Das Kleinkind war während der Unterrichtszeit allerdings normalerweise bei einer Tagesmutter untergebracht und nur ausnahmsweise einmal mit im Unterricht dabei.

Die Mitschüler waren von Feliz so begeistert, dass sie ihr dieses Zeugnis ausstellten:
  • Kreischen: sehr gut / sehr hoch
  • Süß sein: sehr gut
  • Schluckauf-Haben: sehr oft und sehr gut
  • Im Matheunterricht ruhig sein: befriedigend
  • Lachen: gut und mitreißend
  • An langen Haaren festhalten: sehr fest
  • Diverse Duftnoten versprühen: sehr intensiv

Ein Bericht von Jörn Barke aus dem Göttinger Tageblatt

Quelle: www.goettinger-Tageblatt.de