Pflegeeltern bieten Familienanschluss

Neues Zuhause für Kinder – Kontakt zu leiblichen Eltern und Geschwistern bleibt erhalten

HARDEGSEN. Stolz präsentiert Jonas (Namen der Familie geändert) sein neues funkferngesteuertes Auto. „Das habe ich zum Geburtstag bekommen“, sagt er und jagt das Spielzeug durch das Wohnzimmer. Seine Eltern Katja und Jens Müller müssen lachen. Acht Jahre ist Jonas am Tag zuvor geworden. An den Wänden hängen noch Luftballons und Girlanden von der Feier.

Auf den ersten Blick wirkt alles wie bei einer normalen Familie. Und doch ist etwas anders bei den Müllers in Hardegsen, denn Jonas ist nicht das leibliche Kind seiner Eltern. Als er zehn Wochen alt war, kam er als Pflegekind zu dem Ehepaar.

 

Adoption nicht möglich

„Wir können keine eigenen Kinder bekommen“, erzählt Katja Müller. „Deshalb haben wir zunächst versucht, ein Kind zu adoptieren.“ Das habe aus verschiedenen Gründen nicht geklappt. Auch im Ausland suchten sie nach Möglichkeiten – vergeblich.

Über einen Bekannten kam schließlich der Kontakt mit dem Albert-Schweitzer-Familienwerk zustande. Beide Seiten hatten ein gutes Gefühl. „Wir haben dann den Vorbereitungskurs für Pflegeeltern gemacht. Nach fünf Monaten klingelte das Telefon“, erinnert sich die Pflegemutter.

 

„Die Kinder brauchen noch mehr Liebe, Strukturen und eine konsequente Erziehung.“

Zu diesem Zu diesem Zeitpunkt war Jonas zehn Wochen alt und lag schwer krank im Krankenhaus. Seine leibliche Mutter konnte sich nicht um ihn kümmern. „Für uns war diese Zeit alles andere als leicht“, sagt Katja Müller.

Zweifel plagten das Ehepaar, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatten. Schon damals war klar, dass Jonas entwicklungsverzögert und verhaltensauffällig sein könnte.

Heute bereuen die Müllers keine Sekunde des gemeinsam Lebens mit ihrem Pflegekind. Vor eineinhalb Jahren haben sie sogar ein weiteres Kind aufgenommen, den damals acht Monate alten Daniel. „Jonas hat sich sehr gut entwickelt, auch wenn er manchmal sehr in sich gekehrt und zurückhaltend ist“, sagt Katja. „Und er liebt seinen Bruder.“

„Kontakt zu seiner leiblichen Mutter hat Jonas kaum, jedoch zu seiner Schwester, die in einer anderen Familie lebt. „Wir legen großen Wert darauf, dass der Kontakt nicht abbricht“, erklärt Nelly Hiedl vom Albert-Schweitzer-Familienwerk. Die Pflegeverhältnisse seien aber auf Dauer angelegt. „Die meisten Kinder bleiben bei der Pflegefamilie, bis sie erwachsen sind.“ Obwohl die Müllers sich ein Leben ohne ihre beiden Kinder nicht mehr vorstellen können, sei jeder Tag eine kleine Herausforderung, berichtet Jens Müller, der derzeit als Hausmann rund um die Uhr für die Kinder da ist, während seine Frau arbeitet. „Die Kinder brauchen noch mehr Liebe, Strukturen und eine konsequentere Erziehung als andere Kinder“, erklärt er. Fachberatung Regelmäßig besuchen Mitarbeiter der in Moringen ansässigen Fachberatung Pflegestellen des Albert-Schweitzer- Kinderdorfs Uslar die Familie. Auch mit anderen Pflegefamilien stehen die Müllers in engem Austausch. „So steht man die schwierigen Phasen besser durch“, erklärt Katja Müller. „Am schönsten ist es dann, wenn man sieht, dass die Kinder trotz ihrer Geschichte einfach glücklich sind.“

Quelle: HNA