Erziehung ist kein Schlachtfeld

Celle: Das PAB ist mit „Pro Kids" eine Schnittstelle, hier finden Eltern und Kinder neu zusammen.

Die Ursachen für den frühen Beginn einer kriminellen Karriere machen die Sozialpädagoginnen Jessica Meier und Gabi Voigt an den Unsicherheiten fest, die Kinder Zuhause und in ihrer Umgebung erfahren, an mangelnden Grenzen die zudem oft von Kindern manipuliert würden. Ganz gleich, ob beide Eltern berufstätig seien oder arbeitslos daheim - Kinder erleiden oft eine Art von Vernachlässigung, „man lässt sie einfach laufen und weiß gar nicht was sie treiben".

Dabei ist es dem Team wichtig, Eltern nicht an den Pranger zu stellen, sondern vielmehr Verständnis aufzubringen für ihre schwierige Situation in einer sich wandelnden Gesellschaft. Die Anforderungen an die Eltern seien gestiegen, stellt Voigt fest. Mütter müssten auch aufgrund der neuen rechtlichen Lage neben der Erziehungsarbeit berufstätig sein und stünden dabei unter enormem Druck, Väter müssten oft erst ihre neuen Rollen finden. So fehlt in vielen Familien eine Struktur, die dem Kind Halt gibt. Eindeutig gesetzte Grenzen seien eine unabdingbare Orientierungshilfe für das Kind, deren Überschreiten müsse angemessene Sanktionen zur Folge haben.

Dies allerdings nah am Thema, wie Meier betont: „Kommt das Kind zu spät, darf es beim nächsten Mal eine halbe Stunde weniger draußen spielen. Das ist sinnvoller, als das Taschengeld zu streichen, damit wird nur der nächste Streitpunkt eröffnet." Klaut die Tochter schon wieder und wird nicht erwischt, sollte sie von den El¬tern begleitet, den Canössa-Gang zum Laden antreten und die Ware zurück geben: „Das ist furchtbar peinlich für das Kind." Defizite in der Erzie¬hung sieht Gabi Voigt jedoch auch in der Umgebung über das Elternhaus, hinaus: „Wenn heute Jugendliche auf der Straße randalieren, gehen die Leute auf die andere Straßenseite. Es erfolgt ja keine Sanktion mehr für auffälliges Verhalten." So gebe es keine Klarheit mehr was richtig sei und was nicht.

Voigt plädiert dafür, stets einzuschreiten - allerdings ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. „Es gibt immer die Möglichkeit, sich über das Handy Hilfe hinzu zu holen." Damit appelliert sie auch, Erziehung nicht nur als Sache der Eltern zu sehen. „In Afrika heißt es, man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen." Netzwerke seien wichtig. Partner, Verwandte, Freunde, Lehrer aber auch Hilfsorganisationen unterstützen und tragen die Struktur rund ums Kind. Den Eltern empfehlen die Sozialpädagoginnen, stets mit dem Kind in Kontakt zu bleiben, „und wenn es über das Handy ist, das gibt dem Kind Sicherheit". Nachfragen was es gerade tut, ob es die vereinbarten. Regeln einhält. Bei Elternabenden appellieren die Fachfrauen, sich an den erarbeiteten Notfallplan zu halten und im Fall einer Auseinandersetzung unbedingt Ruhe zu bewahren, um eine Eskalation und jegliche Art von Gewalt, auch verbale, zu vermeiden. Stets versöhnungsbereit zu sein, sei kein Zeichen von Schwäche,, sondern von erwachsener Reife. „Es gibt keine Sieger und Verlierer. Erziehung ist kein Schlachtfeld."

Für einen Zwölfjährigen der bereits in der Gruppe Raubüberfülle verübt hat, sei es ein Fortschritt, wenn das nächste Vergehen „nur" ein Diebeszug im Kaufhaus sei, wobei der Junge eine Schachtel Zigaretten mitgehen ließe, so Jessica Meier. Dabei gelte es nicht, diese Tat zu verharmlosen, betont sie, sondern das Kind bei jedem Schritt heraus aus der Kriminalitätsspirale zu bestärken. Letztendlich ginge es den Kindern stets um Werte und dastehen und gut angesehen sein."

Die Meinung der Freunde ist wichtig. Daher wird in Gesprächen eine neue Sicht aufwerte erarbeitet, von „Ich habe sowieso keine Chance" bin zu neuen Perspektiven. Auf jede positive Veränderung, das wird auch den Eltern eindringlich mit auf den Weg gegeben, wird mit Lob reagiert. So wird Anerkennung von anderen als den eigenen Freunden zunehmend wichtiger.

Die Sozialpädagoginnen arbeiten mit der Strategie der kleinen Schritte - und sie bleiben dran: „Wir sind sehr penetrant präsent". Sie recherchiren, was viele Eltern nicht mehr über ihre Kinder wissen: „Wir fragen, mit wem sie wann und wo herum hängen und fahren auch dort hin, zur Abifeier oder zum Schützenfest und sehen nach. Wir durchdringen das Netzwerk der Kinder, gehen in ihre Schulen und nehmen Kontakt mit ihren Lehrern auf.

Damit zeigen wir, dass wir Interesse haben und verlässlich sind." Sie wissen, mit wem das Kind Umgang hat und warnen auch vor bestimmten Freunden. „Jugendliche schicken gern Jüngere bei Straftaten vor und sagen ihnen, man könne sie ohnehin nicht verurteilen." Doch: „Kinder ab zehn Jahre können aktenkundig werden." Die Delikte finden sich in der sogenannten Roten Akte bei der Staatsanwaltschaft wieder.

 

 

KONTAKT:

Pro Kids" und „For Youth" sind Angebote des Projekts Ambulante Betreuung (PAB) des Albert-Schweitzer-Familienwerks Hannoversche Straße 30 D in 29221 Celle, Telefon (05141) 2787148, Mail: .

Quelle: Celler Zeitung

Autor: Margitta True (mag)